
11
Annes „Prospekt und Leitfaden vom Hinterhaus“ () gab noch Einblicke in ein mit
Humor und Witz ausgestattetes, fröhliches Kind, ein Jahr später ist ihr Ton in der Darstellung
des Hinterhauses jedoch ernsthafter und zuweilen sogar verzweifelt geworden.
Am hält sie wörtlich übernommen fest: „Hier wird das Verhältnis untereinander
immer schlechter, je länger es dauert“. Sie spricht in diesem Eintrag von Angst und
Depressionen, von „Dramen“ die sich untereinander abspielen. Aus ihrem Eintrag vom
geht eindeutig hervor, wie schlecht die Versorgungslage mittlerweile geworden
ist. Die Dauer des Krieges und der deutschen Besatzung haben zu vielen
Versorgungsengpässen geführt. Frau van Daan erhält zu ihrem Geburtstag ein Glas
Marmelade, eine Käse-Fleisch- und Brotmarke und von ihrem Mann Lebensmittel. Anne
bezeichnet diesen Umstand mit den Worten: „ So sind die Zeiten nun einmal!“
Auch das Zusammenleben ist immer mehr von Streit und Uneinigkeit geprägt, so beschreibt
Anne in ihrem Eintrag vom wie sich die Streitigkeiten und die Auslöser zwischen
den beiden Frauen, Annes Mutter und Frau van Daan, von der alltäglichen Arbeit, wie z.B.
dem Streit um Wäsche und Geschirr, gewandelt hat zum Streit um Essensrationen
() und um das Teilen von Vorräten ().
Anne selbst distanziert sich immer mehr von Ihren Eltern, entwickelt feministische Gedanken
und durchlebt ihre eigene Pubertät im Hinterhaus. Die einsetzende Pubertät die Anne im
Hinterhaus, alleine und abgeschnitten von anderen Jugendlichen in Ihrem Alter durchleben
muss prägt Anne.
Die allgegenwärtige Angst entdeckt zu werden, die sich ohnehin immer in den Gedanken der
Familie festgesetzt hat, wird mit der Länge des anhaltenden Krieges immer stärker und bereits
im Frühjahr 1944 werden auch die Lebensmittel knapp und die Versorgung der „Versteckten“
besteht nun mehr aus angefaulten Kartoffeln oder einer Tasse Brei. Es kommt also eine
weitere Belastung für die Versteckten hinzu. Zur Angst und dem Gefühl der
Hoffnungslosigkeit kommt jetzt auch noch dauernder Hunger. Lebensmittel müssen durch die
Helfer auf dem Schwarzmarkt beschafft werden, genauso wie benötigte Tabletten usw.
Hierzu ist Schwarzgeld notwendig. Aus einem Eintrag im Tagebuch vom 29. Oktober 1943 ist
ersichtlich, dass sich aus dieses dem Ende zuneigt. Die van Daans besitzen zu diesem
Zeitpunkt schon kein Schwarzgeld mehr und der Verkauf von Kleidung, durch die Helfer,
gehört nun mit zu deren Alltag.
Krankheiten können nicht durch Ärzte behandelt werden und müssen entweder mit einfachen
Mitteln bekämpft oder ohne jegliche Hilfe von außen durchgestanden werden.
In ihrem Eintrag vom Dienstag, 11. April 1944 beschreibt Anne einen Einbruch im Lager und
das Kommen der Polizei, welches alle Bewohner in Angst und Schrecken versetzt, aber auch
den Glauben an Gott in Anne gestärkt und ihr die Ausweglosigkeit ihrer Situation und ihres
Lebens als Jüdin klar vor Augen geführt. Anne schreibt:“ Wir sind sehr stark daran erinnert
worden, dass wir gefesselte Juden sind, gefesselt an einen Fleck, ohne Rechte, aber mit
Tausenden von Pflichten
7
.“ Dieser kurze Satz beschreibt wohl auch am besten das Leben im
Hinterhaus.
7
Seite 248 , Eintrag 11. April 1944 Daten aus Anne Frank Tagebuch, ergänzte Ausgabe, Fischer Verlag, ISBN: 5277-3