Studiekompasset.dkKlasse: HF 2. år · Fag: SSO, Tysk begyndersprog B
1
SSO
Zum Thema:
Anne Franks Tagebuch und die
Lebensumstände der Juden im Dritten
Reich
Sabine Gradischnig, 2012
2
English Résumé
This paper examines, based on an analysis, the living conditions of people who have been hiding
from the Nazis in the Third Reich. In this present case is the diary of Anne Frank, a little Jewish girl,
used to do the analysis. Anne Frank writes her diary from the first day of hiding from the Nazis until 3
days before she and all the other people in the hidden place, has been betrayed and arrested from
the SS. Anne Frank ultimately died of typhus in the Bergen-Belsen concentration camp a few weeks
after the betrayal.
It shows the circumstances of Anne Frank, her family and the other Jewish people, which are living
together with Anne Frank and her family in a part of a tenement house accessible only thru a wall
unit. It gives an impression of the difficult life circumstances and shows generally the effects which
this live has on the people. Both on their state of health and on their state of mind.
Furthermore, describes the paper the general living conditions of Jewish people in the Third Reich,
both in historical context and in the relation to Anne Frank´s diary.
It shows clearly the catastrophic living conditions, the lack of prospects and the mental and physical
burden of the Jewish people in those days.
3
Inhaltsangabe
English Resumé ........................................................................................................................................ 2
Problemformulierung .............................................................................................................................. 4
Einleitung ................................................................................................................................................. 4
Begriffserklärungen und Informationen.................................................................................................. 5
Über Anne Frank...................................................................................................................................... 6
Wichtige Daten zu den Familien, Helfern und Anne Frank
7
.................................................................... 7
Über Anne Franks Tagebuch ................................................................................................................... 7
Anne Franks Leben im Versteck .............................................................................................................. 9
Der Alltag ............................................................................................................................................... 10
Die Lebenssituation im Hinterhaus ....................................................................................................... 12
04. August 1944 Abholung durch die SS ............................................................................................... 14
Zusammenfassung ................................................................................................................................. 14
Die Lebensumstände der Juden im 3. Reich ......................................................................................... 16
Zeitgeschichtliche Hintergründe und Gesetze gegen die jüdische Bevölkerung .............................. 16
Hinweise auf die Judengesetzte in Anne Franks Tagebuch ................................................................... 17
Interpretation des Lebens der Juden im 3. Reich .................................................................................. 18
Perspektivierung von Anne Franks Tagebuch in Bezug auf die Lebensumstände der Juden im 3. Reich
............................................................................................................................................................... 18
Schlusswort ........................................................................................................................................... 19
Literaturverzeichnis ............................................................................................................................... 20
Anlagen .................................................................................................................................................. 21
4
Problemformulierung
Wie beschreibt Anne Frank das Leben der Versteckten in ihrem Tagebuch?
Wie stellen sich die Lebensumstände der Juden im Dritten Reich dar?
Aufgrund der vorgegebenen Aufgabenstellung habe ich mich in meiner Analyse und
Interpretation des Tagebuches auf Anne Franks Darstellungen ihres eigenen und des Lebens
der anderen Personen im „Versteck“ konzentriert. Hierzu zählen sowohl die Gefühlswelt als
auch die allgemeinen Lebensumstände, die sich aus den Gegebenheiten aus einem Leben im
„Untergrund“ ergeben haben. Mein besonderes Augenmerk liegt dabei auch auf Anne Franks
Darstellung des täglichen Miteinanders und des Lebens der Versteckten mit alle seinen
Problemen.
In einem eigenen Abschnitt in dieser Arbeit, möchte ich auf die Lebensumstände der Juden im
Allgemeinen und im Zusammenhang mit einem geschichtlichen Überblick, im 3. Reich,
eingehen. Hierzu zählen unter anderem auch die Beschränkungen, Gebote und Gesetze, die
den Juden durch die Nazis auferlegt wurden.
Einleitung
In der Zeit von herrschte Adolf Hitler über Deutschland, weite Teile von
Osteuropa, Skandinavien bis hin zu Italien und Portugal. Adolf Hitlers Überzeugung und
Bestreben war es ein rein arisches Reich zu schaffen, indem Juden, Sinti und Roma, aber auch
viele slawische Völker, die er als minderwertig ansah, kein Recht hatten zu leben.
Die Zahl der ermordeten Juden allein im Deutschen Reich beläuft sich auf ca. 6,3 Millionen
1
,
allein im Jahre 1937 starben ca.165ooo Juden im Deutschen Reich (siehe hierzu Anhang 1).
Menschen, die in Konzentrations- oder Vernichtungslagern, bei Verhören oder medizinischen
Versuchen oder beim Transport weg von ihrem Zuhause, in die im ganzen Deutschen Reich
befindlichen KZ´s getötet wurden. Zu den Opfern zählten, Männer und Frauen aber auch
Kinder in jeder Altersgruppe. Eine von Ihnen war Anne Frank, die die Hälfte Ihres kurzen
Lebens, zusammen mit Ihrer Mutter, ihrem Vater und ihrer Schwester in einem Versteck in
den Niederlanden, genauer gesagt in Amsterdam, verbracht hatte um den Häschern der
Gestapo zu entkommen.
Anne Franks Tagebuch erlaubt einen Einblick in Ihre Gefühlswelt und in ihr junges, kurzes
Leben im Versteck zusammen mit anderen Juden, ihrer Familie und Helfern unter den
Niederländern die die Versteckten mit den notwendigen Dingen des alltäglichen Lebens
versorgten und damit auch ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten.
1
Wolfgang Benz (Hrsg.): Dimension des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Dtv, München 1996,
ISBN 0-2.
5
Begriffserklärungen und Informationen
Konzentrationslager (KZ): Internierungs-, Vernichtungs- und Arbeitslager, 24 Stammlager mit ca. 1000
Außen Lagern - 7 Lager waren ausschließliche Vernichtungslager.
KZ Bergen-Belsen: bei Bergen im Kreis Celle (Provinz Hannover, heute Niedersachsen). In Bergen-
Belsen kamen in der Zeit von 1941 und 1945 mehr als 70 000 Menschen um. Seit 1945
internationaler Erinnerungsort an die Opfer des Nationalsozialismus.
2
Judenstern: gelber, sechszackiger faustgroßer Stern mit der Inschrift „Jude“ (bzw. niederländisch
Jood) der auf der linken Seite in Brusthöhe an der Kleidung angebracht werden musste
3
.
Jüdisches Lyzeum: Gymnasium für jüdische Schüler in den Voormalige Stadstimmuertuinen.
3
Kitty: Der Name, den Anne Frank ihrem Tagebuch gab, nach Kitty Francken, aus dem
Fortsetzungsroman Joop ter Heul von Cissy von Marxveldt.
3
Adolf Hitler: 20.April 1889-30.April 1945, Gründer der NSDAP, Reichskanzler ab
3
Judengesetze: eine Reihe von Gesetzen, Erlassen, Verordnungen und Bestimmungen, die die Juden in
allen Lebensbereichen entrechteten (über 2000)
3
Pogromen: Pogrom (russisch) für Zerstörung, mit der Reichskristallnacht als traurigen Höhepunkt
3
Sender Oranje: Radiosender der niederländischen Exilregierung in Londen
3
Gestapo: Abkürzung für Geheime Staatspolizei
3
Alliierte: die gegen Deutschland verbündeten Länder England, USA und die Sowejetunion
3
3
Wort und Sacherklärungen von Marion Siems, Phillip Reclam Verlag, Stuttgart, ISBN: 9-1
2
http://bergen-belsen.stiftung-ng.de/de/home.html
6
Über Anne Frank
Anne Frank wurde am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main als deutsche Staatsangehörige geboren
und unter ihrem vollen Namen Annelies Marie Frank im Standesamtsregister eingetragen.
Im August 1933 emigriert Otto. H. Frank, der Vater Annes, nach Amsterdam, die Familie folgt ihm
kurze Zeit später.
Ab 1934 besucht Anne Frank zuerst die Montessori-Schule und später dann das jüdische Lyzeum.
Am 12. Juni 1942, ihrem 13 Geburtstag, erhält Anne unter anderem ihr späteres Tagebuch als
Geschenk. Das Tagebuch war eigentlich als Poesiealbum gestaltet, wurde von Anne aber aufgrund
des Untertauchens am 06. Juli 1942 in das Hinterhaus in der Prinsengracht 263, Amsterdam, als
Tagebuch genutzt.
m Mai 1944 begannt Anne mit einer Reinschrift ihres Tagebuches „zweite Fassung“ die zur
Veröffentlichung nach dem Krieg bestimmt war, Anne schreibt aber an der Erstfassung weiter.
Die letzte Eintragung in der Originalfassung stammt vom 01. August 1944. Am 04. August 1944
werden die Untergetauchten verraten und verhaftet.
An 08. August 1944 wird Anne zusammen mit ihrer Schwester Margot in das Konzentrationslager
Westerbork eingeliefert und mit dem letzten Transport am 3-6. September 1944 in das KZ Ausschwitz
in Polen überstellt und danach mit einem so genannten Evakuierungstransport in das KZ Bergen-
Belsen, wo sie zusammen mit Ihrer Schwester Ende Februar/Anfang März 1945 der Typhusepidemie
erliegt. Anne Franks Leiche befindet sich vermutlich in einem der Massengräber von Bergen-Belsen.
Quelle: Biographie von Anne Frank ist übernommen aus der Veröffentlichung des Anne Frank Fonds -
www.annefrank.ch
7
Wichtige Daten zu den Familien, Helfern und Anne Frank
7
Die folgenden Daten
4
und Anmerkungen zur Abholung der Untergetauchten und deren Helfer sind
nicht Teil der Fragestellung. Ich möchte diese trotzdem festhalten, als eine Art Ehrung und
Erinnerung an die Menschen, die den Verbrechen der „Nazis“ zum Opfer gefallen sind und als kleinen
Überblick über die Personen die Anne Frank in Ihrem Tagebuch genannt hat, damit die
Zusammenhänge leichter zu verstehen sind.
Liste der Helfer: - Viktor Kugler, Originalname Harry Kraler, ƚ 1981
- Johannes Kleinmann, Originalname Simon Koophuis ƚ 1959
- Elisabeth Voskuijl, Originalname Elly Kuilmans ƚ 1983
- Miep Gies-Santrouschitz, OriginalnameAnne v. Santen ƚ
Daten der Versteckten:
- Hermann van Daan, Originalname van Pels ƚ in Ausschwitz
vergast
- Auguste van Daan, Originalname van Pels - Todestag unbekannt
- Peter van Daan, Originalname van Pels, ƚ 05. Mai 1945 in Mauthausen (A)
- Fritz Pfeffer, Originalname Albert Dussel, ƚ KZ in
Neuengamme
- Edith Frank, Annes Mutter, ƚ im Frauenlager Ausschwitz-
Birkenau
- Margot und Anne Frank, ƚ Ende Februar /Anfang März 1945 im KZ
Bergen-Belsen
- Otto Frank, Vater von Anne und Margot, ƚ , Biersfelden, Basel
Über Anne Franks Tagebuch
Um Anna Franks Tagebuch zu analysieren, muss man sich darüber im Klaren sein, dass es
sich hierbei weder um ein literarisches Werk noch um einen Tatsachenbericht im allgemein
üblichen Sinne handelt. Anne Franks Tagebuch unterscheidet sich von den klassischen
Ganzschriften, was auf die Entstehung und Gattung der Tagebücher zurückzuführen ist
1
. Das
Buch beinhaltet eine Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit, gibt Tatsachen aus der Zeit des
3. Reiches gleichsam mit subjektiven Eindrücken, Gefühlen und Beschreibungen wieder, die
Anne Frank „Kitty“ ihrem Tagebuch anvertraut. Das Werk kann also in keiner Weise rein
historisch oder rein literarisch interpretiert werden, sondern nur im Zusammenhang mit
seiner enormen geschichtlichen Bedeutung. Seine geschichtliche Bedeutung ist eindeutig auf
die identifikatorische Relevanz Anne Franks zurückzuführen
5
. Anne Frank steht heute als
Symbol für den Holocaust.
4
www.annefrank.ch
5
Siebert Tielmann, Modelle für den Literaturunterricht, Lektüre Bd.3, ISBN-13: 08034
8
Für meine Analyse und Interpretation habe ich die vom Anne Frank Fond autorisierte Fassung
„Anne Frank Tagebuch, Fassung von Otto Frank und Mirjam Pressler“, die alle Tagebücher
von Anne Frank beinhaltet, gewählt. Anne Frank selbst hatte nicht nur ein Tagebuch verfasst,
sondern dieses später mit dem Wunsch der Veröffentlichung nach dem Krieg, selbst
umgearbeitet. Eine erste Ausgabe des Buches erschien durch Otte Frank, Annes Vater, der die
beiden Tagebücher zusamenfasste und kürzte.
Erst nach dem Tode von Otto Frank, 1980 und nach der Freigabe der Autorenrechte an den
Tagebüchern wurde Mirjam Pressler vom Anne Frank Fond in Basel beauftragt eine Ausgabe
zu verfassen bzw. zusammenzufügen, die alle drei Variationen, sowie später aufgetauchte
einzelne Seite beinhaltet.
Kopie zweier Seiten aus Anne Franks Tagebuch
http://www.annefrank.ch/
Von der deutschen Bundespost ausgegebene Briefmarke zur Erinnerung an Anne Frank
anlässlich ihres 50. Geburtstag (1979)
9
Anne Franks Leben im Versteck
Anne Frank die am 12. Juni 1929 in Frankfurt als zweite Tochter jüdischer Eltern, in
Frankfurt geboren wurde, verbachte die Jahre von 1942 bis zum 4.08.1944 in einem kleinen
Hinterhausversteck in Amsterdam, im Bürogebäude ihres Vaters, der nach der Besetzung der
Niederlande durch die Nazis seine Firma verlor, durch gute nicht jüdische Freunde und
Vertraute aber die Möglichkeit hatte, sich und seine Familie in eben diesem Gebäude, in
kleinen Räumen im zweiten und dritten Stockwerk
6
zu verstecken. Der Zugang zu den
Räumlichkeiten der Familie Frank und später auch der weiteren Versteckten war durch ein
Regal im zweiten Stock für Außenstehende „unsichtbar“ gemacht.
Anne hatte ihr Tagebuch noch vor dem Einzug in das Versteck von Ihren Eltern zum
Geburtstag erhalten und im Versteck wurde das Tagebuch, dem Anne den Namen „Kitty“
verliehen hatte, zu ihrer engsten Vertrauten, zu einer imaginären Freundin und Zuhörerin, die
Anne im Versteck nicht hatte. Anne bezeichnet ihr Versteck im Hinterhaus als das wohl
bequemste in ganz Amsterdam, wenn nicht ganz Holland, obwohl es schief und ein wenig
feucht ist
3
. Die ersten Tage und Wochen im Hinterhaus sind geprägt von Arbeiten wie dem
Kartons auspacken, streichen und verschönern der kahlen Wohnung, sowie der Vorbereitung
zur Aufnahme anderer Juden, der „van Daans“ geprägt. Bereits jetzt am Anfang vertraut Anne
ihrem Tagebuch die Angst vor Entdeckung an, die die ganze Zeit im Versteck prägen soll.
Noch sind die Lebensmittel nicht knapp und die Familie fühlt sich trotz dem versteckt sein
einigermaßen sicher, auch wenn die Vorhänge die extra zur Abschottung genäht wurden, bis
zum Ende der Untertauchzeit nicht mehr abgenommen werden können.
Bereits am 28. September 1942 findet sich in Annes Tagebuch ein kurzer Nachtrag, der
beschreibt, wie beklemmend das Leben im Versteck durch Anne empfunden wird und welche
Angst sie hat entdeckt und erschossen zu werden. Im Versteck zu leben heißt nicht
aufzufallen, kein Tageslicht zu haben, sich nur flüsternd zu unterhalten und möglichst leise zu
gehen, damit keine Geräusche nach draußen in das angeschlossene Lager dringen und die
Familien verraten könnten.
Anne fühlt sich mehr und mehr missverstanden, die einzige Person mit der sie noch sprechen
möchte und vertraulich reden kann ist ihr Vater, die Beziehung zur Mutter verschlechtert sich
immer mehr, auch bedingt durch die räumliche Nähe und das abgeschottet sein von der
Außenwelt. Nach dem Einzug der van Daans ist das Leben im Hinterhaus von alltäglichen
Arbeiten geprägt, Veränderungen jedoch finden kaum statt und die Angst vor dem Entdeckt-
oder Verraten werden wächst täglich. Noch haben die Bewohner des Hinterhauses dank ihrer
Helfer, die sich um sie kümmern Bücher um sich abzulenken, zu lernen und sich zu
beschäftigen und genug zu Essen.
6
Quelle: Übersichtsplan aus: Das Tagebuch der Anne Frank, Fischer Taschenbuch Verlag, 1955, Bd. 77 S. 20
10
Der Alltag
Der Alltag im „Hinterhaus“, so bezeichnet Anne ihr Versteck, bringt viele
Unannehmlichkeiten mit sich, die sich ein Mensch in unserer heutigen Zeit kaum mehr vor zu
stellen vermag. Anne führt immer wieder die Probleme und Umstände in Hinterhaus in ihrem
Tagebuch an. Zum einen muss absolute Ruhe im Versteck herrschen, solange in der Firma, im
Lager darunter Menschen arbeiten, was für die Bewohner bedeutet dass sie sich tagsüber
weder frei bewegen konnten, kleine Dinge wie das zur Toilette gehen oder sich Waschen
waren mit Geräuschen verbunden und mussten vermieden oder möglichst leise abgehalten
werden, was auch bedingte, dass zum Beispiel die Klospülung nicht betätigt werden konnte.
Anfallende Küchenabfälle mussten täglich, egal bei welchem Wetter in Ofen verbrannt
werden und Anne beschreibt die Mühsal eines so eingeschränkten 8 Personen Haushaltes. Die
Verantwortung für den Haushalt fallen Annes Mutter und Frau van Daan zu, wobei Anne ihre
Mutter im Tagebuch aufs schärfste kritisiert. So lässt sie sich in einem Eintrag vom
zur Kritik an Ihrer Mutter hinreißen, die nach Annes Aussagen die Rolle der
Hausfrau im Versteck nicht wirklich ausfüllt.
Die Nähe, die verschiedenen individuellen Unterschiede gerade auch in politischer Hinsicht
lösen immer wieder Meinungsverschiedenheiten und Streitgespräche (Eintrag vom
) aus, die Anne in ihrem Tagebuch aufzeichnet.
Erst abends in der Zeit von halb 6 bis halb 9 Uhr in der sogenannten „Abendfreiheit“ wie
Anne in ihrem Eintrag vom beschreibt und an den Wochenenden, vor allem am
Sonntag, war es den Familien möglich sich etwas freier zu bewegen, fließendes Wasser zu
benutzen oder auch einmal ein Bad im Holzbottich im Arbeitszimmer des Herrn Kugler,
einem Helfer, zu nehmen.
Trotz dieser „Freiheit“ geht aus Annes Beschreibungen hervor, dass auch hier besondere
Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden müssen, da man es unter allen Umständen verhindern
muss, von Nachbarn gesehen oder gehört zu werden. So müssen auch in dieser Zeit die
Fenster mit Vorhängen verhängt sein und ein normales Bewegen ist unmöglich.
Die Familien werden immer wieder mit „Mängeln“ konfrontiert. Anne beschreibt diese in
einem Eintrag vom Die Toilette ist immer wieder verstopft, eine Brille gegen
Annes Kurzsichtigkeit fehlt. Passende Kleidung für sie selbst, als heranwachsendes Mädchen
fehlt und alle werden von den Flöhen, übertragen durch die Katzen im Haus geplagt. In einem
Eintrag vom erwähnt sie darüber hinaus das sich auf dem Dachboden Ratten
befinden.
Die Versorgung mit alltäglichen Bedarfsgütern ist abhängig von den Helfern der Versteckten,
Miep Gies und Bep Voskuijl. Diese versuchen kurzfristig gegebene Aufträge der Familien zu
erfüllen, was Ihnen auch teilweise sehr zufriedenstellend für Anne und Ihre Familie gelingt.
So beschreibt Anne in ihrem Eintrag vom außergewöhnlich schöne rote Schuhe
mit Blockabsatz, die an ihren Füßen „prangen“ und die Miep für 27.50 Gulden für sie
ergattert hat. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln in größeren Mengen wird von Anne
immer wieder im Tagebuch geschildert. Diese ist allerdings Jahreszeitabhängig.
11
Annes „Prospekt und Leitfaden vom Hinterhaus“ () gab noch Einblicke in ein mit
Humor und Witz ausgestattetes, fröhliches Kind, ein Jahr später ist ihr Ton in der Darstellung
des Hinterhauses jedoch ernsthafter und zuweilen sogar verzweifelt geworden.
Am hält sie wörtlich übernommen fest: „Hier wird das Verhältnis untereinander
immer schlechter, je länger es dauert“. Sie spricht in diesem Eintrag von Angst und
Depressionen, von „Dramen“ die sich untereinander abspielen. Aus ihrem Eintrag vom
geht eindeutig hervor, wie schlecht die Versorgungslage mittlerweile geworden
ist. Die Dauer des Krieges und der deutschen Besatzung haben zu vielen
Versorgungsengpässen geführt. Frau van Daan erhält zu ihrem Geburtstag ein Glas
Marmelade, eine Käse-Fleisch- und Brotmarke und von ihrem Mann Lebensmittel. Anne
bezeichnet diesen Umstand mit den Worten: „ So sind die Zeiten nun einmal!“
Auch das Zusammenleben ist immer mehr von Streit und Uneinigkeit geprägt, so beschreibt
Anne in ihrem Eintrag vom wie sich die Streitigkeiten und die Auslöser zwischen
den beiden Frauen, Annes Mutter und Frau van Daan, von der alltäglichen Arbeit, wie z.B.
dem Streit um Wäsche und Geschirr, gewandelt hat zum Streit um Essensrationen
() und um das Teilen von Vorräten ().
Anne selbst distanziert sich immer mehr von Ihren Eltern, entwickelt feministische Gedanken
und durchlebt ihre eigene Pubertät im Hinterhaus. Die einsetzende Pubertät die Anne im
Hinterhaus, alleine und abgeschnitten von anderen Jugendlichen in Ihrem Alter durchleben
muss prägt Anne.
Die allgegenwärtige Angst entdeckt zu werden, die sich ohnehin immer in den Gedanken der
Familie festgesetzt hat, wird mit der Länge des anhaltenden Krieges immer stärker und bereits
im Frühjahr 1944 werden auch die Lebensmittel knapp und die Versorgung der „Versteckten“
besteht nun mehr aus angefaulten Kartoffeln oder einer Tasse Brei. Es kommt also eine
weitere Belastung für die Versteckten hinzu. Zur Angst und dem Gefühl der
Hoffnungslosigkeit kommt jetzt auch noch dauernder Hunger. Lebensmittel müssen durch die
Helfer auf dem Schwarzmarkt beschafft werden, genauso wie benötigte Tabletten usw.
Hierzu ist Schwarzgeld notwendig. Aus einem Eintrag im Tagebuch vom 29. Oktober 1943 ist
ersichtlich, dass sich aus dieses dem Ende zuneigt. Die van Daans besitzen zu diesem
Zeitpunkt schon kein Schwarzgeld mehr und der Verkauf von Kleidung, durch die Helfer,
gehört nun mit zu deren Alltag.
Krankheiten können nicht durch Ärzte behandelt werden und müssen entweder mit einfachen
Mitteln bekämpft oder ohne jegliche Hilfe von außen durchgestanden werden.
In ihrem Eintrag vom Dienstag, 11. April 1944 beschreibt Anne einen Einbruch im Lager und
das Kommen der Polizei, welches alle Bewohner in Angst und Schrecken versetzt, aber auch
den Glauben an Gott in Anne gestärkt und ihr die Ausweglosigkeit ihrer Situation und ihres
Lebens als Jüdin klar vor Augen geführt. Anne schreibt:“ Wir sind sehr stark daran erinnert
worden, dass wir gefesselte Juden sind, gefesselt an einen Fleck, ohne Rechte, aber mit
Tausenden von Pflichten
7
.“ Dieser kurze Satz beschreibt wohl auch am besten das Leben im
Hinterhaus.
7
Seite 248 , Eintrag 11. April 1944 Daten aus Anne Frank Tagebuch, ergänzte Ausgabe, Fischer Verlag, ISBN: 5277-3
12
Die Lebenssituation im Hinterhaus
Anne genießt auch einige schöne und glückliche Momente in ihrem Leben im Hinterhaus die
sie in einem Eintrag vom 16. April 1944, als sie ihrer „Kitty“ davon erzählt, dass sie zum
ersten Mal geküsst wurde von Peter, dem Sohn der van Daans. Es hat den Anschein dass
Anne überglücklich ist, ihre Gedanken und Gefühle der Angst und Hoffnungslosigkeit von
Liebe und Sehnsucht abgelöst werden.
Dies ist leider nicht von langer dauern, denn die Probleme der Untergetauchten treten wieder
in den Vordergrund. Die Dauer des Versteckens wird den Bewohnern des Hinterhauses zu
lange, sie sehnen sich nach Luft, Freiheit und genügend zu Essen. Eintrag Dienstag, 25 April
1944.
Die Erkrankungen aller häufen sich, was auf die Mangelernährung und schlechte Versorgung
aber auch auf den Entzug von Frischluft und notwendiger Bewegung zurückzuführen ist.
Eskalationen wechseln sich im Hinterhaus mit Glücksgefühlen ab, was vor allem auf die
seelische Belastung der Bewohner schließen lässt.
Durch die Verhaftung des Gemüsehändlers, der zwei Juden versteckt hatte, verschlechtert sich
die Situation und bedeutet für alle Bewohner nur noch eines: Hungern. Trotzdem sieht Anne
das Hungern als weniger schlimm an als Entdeckt zu werden. Eintrag vom 25. Mai 1944.
Ein erster Hoffnungsschimmer auf eine schnelle Befreiung durch die Alliierten befällt die
Versteckten am 06. Juni 1944 als die Invasion beginnt. Doch auch diese Hoffnung wird durch
die Ausweglosigkeit der Situation im Hinterhaus vernichtet, vor allem dadurch das
Amsterdam nicht wie erhofft zu diesem Zeitpunkt von den Alliierten befreit wurde.
Die psychischen Probleme der einzelnen Bewohner steigern sich, wie Anne in einem Eintrag
vom 16. Juni 1944 beschreibt. Frau van Daan spricht von Selbstmord.
Langeweile und Überdruss aneinander nehmen ungeahnte Ausmaße an, was Anne in ihrem
Eintrag vom wie folgt formuliert:
„Wenn einer von den acht seinen Mund aufmacht, können die anderen sieben seine
angefangene Geschichte fertigmachen. [...] Es ist unmöglich, dass etwas noch jung und frisch
ist, wenn es im Hinterhaus zur Sprache kommt.“ (28. 1. 44)
Lesen, lernen, Radiohören ist die einzige Ablenkung der Hinterhausbewohner und dies ist
durch die Vorsichtmaßnahmen nur im eingeschränkten Sinne möglich. Doch geben genau
diese Meldungen den Hinterhausbewohnern immer wieder auch das Gefühl weitermachen zu
müssen, durchhalten zu können und zu wollen. Anne benennt in ihrem Eintrag vom
das Radio als „Bleibtapfer-Quelle“, was verdeutlicht, dass Niederlagen und
Fehlschläge der Deutschen und Erfolge und Siege der Alliierten besonders positiv und
sozusagen „kraftspendend“ von allen Bewohnern aufgenommen werden. Hierzu sei noch
angemerkt, dass das Hören von ausländischen Radiosendern, egal ob für Juden, Deutsche oder
Holländer usw. unter schwerer Strafe stand. Im stetigen Hören des Radios und der
Bezeichnung als „Bleibtapfer-Quelle“ könnte man ein Auflehnen der „Hinterhausbewohner“
gegen die Nazis sehen.
13
Die Abhängigkeit auf die Helfer ist für die Gruppe im Hinterhaus eine sehr schwere
Belastung, was sich in vielen Eintragen von Anne zeigt. (Einträge: ; ;
28.1.1944; ; ; ; )
Diese Belastung für alle resultiert sicherlich auch aus dem Gefühl des Ausgeliefertseins das
alle Bewohner empfunden haben müssen.
Anne beschreibt deutlich, wie sich bei Ankunft und Beschäftigung eines neuen Lagerarbeiters
Herrn van Maaren, 1943, die Lage der Versteckten zuspitzt, sich eine neue Gefahr für die
Entdeckung offenbart. In Ihrem Eintrag vom berichtet Anne von van Maarens
Misstrauen, das Hinterhaus betreffend. Auch die Unvorsichtigkeiten und Nachlässigkeiten,
der einzelnen Bewohner, die sich im Laufe der über zwei Jahre im Versteck eingeschlichen
haben, gibt Anne wieder.
Van Maaren erweist sich lt. Annes Eintrag vom als äußert neugierig. Er stellt
Fragen nach Annes Vater und erscheint unvorhergesehen in den Büroräumen. In der Nacht
zum 17. Oktober (lt. Eintrag vom 17. Oktober 1943) verschwinden im Lager 100 Gulden, die
Herr van Daan dort verloren hat. Da das Geld nicht wieder auftaucht sieht Anne in solchen
Vorfällen, dem Diebstahl des Geldes und den Fragen berechtigt „Anlässe zu Argwohn“.
Unvorsichtigkeiten, wie das Vergessen der Entriegelung der Eingangstür durch Peter und dem
darauf folgenden Einschlagen der Fensterscheibe im Eingang durch Herrn Kugler, obwohl im
Hinterhausversteck die Fenster offen stehen, führen zu immer neuen Auseinandersetzungen
und neuen Vorsichtsmaßnahmen, die von allen als äußert einschränkend empfunden werden.
Anne selbst befindet sich in einer Art Identitätskrise, auf der einen Seite sieht sie sich immer
noch als unverstanden, auf der anderen Seite möchte sie sich losreißen, sich um sich selbst
kümmern und ist doch nur ein kleines Mädchen das seine Eltern, seine Familie aber auch
Verständnis und Liebe braucht. Mit dieser Beschreibung ihrer inneren Zerrissenheit endet das
Tagebuch der Anne Frank. Der letzte Eintrag stammt vom Dienstag, 01. August 1944.
Aus dem Eintrag vom 27. Juni 1944 ist ersichtlich, dass sich wieder einmal Hoffnung und
Optimismus unter den Bewohnern ausbreitet, da das Radio meldet, dass die Invasion der
Engländer fortschreitet und einige der Bewohner verfallen damit auch in eine Art
Hyperoptimismus. In den darauf folgenden Tagen erhalten die Bewohner Erdbeeren, die sie
weiterhin „über Wasser“ halten und als am 21. Juli 1944 die Nachricht über einen Anschlag
auf Hitler verbreitet, nährt sich die Hoffnung, dass der Krieg bald zu Ende sein wird. Leider
erfüllt sich dieser wohl größte Wunsch der Hinterhausbewohner nicht in der gewünschten
Weise, sondern endet für alle in einem traurigen Schicksal.
14
04. August 1944 Abholung durch die SS
Am 04. August 1944 fällt jegliche Hoffnung von den Bewohnern des Hinterhauses ab.
Zwischen zehn und halb elf Uhr hält ein Auto mit uniformierten holländischen Helfern der
Grünen Polizei sowie dem SS-Oberscharführer Karl Josef Silberbauer, vor dem Versteck.
Alle acht Untergetauchten, sowie die treuen Helfer Viktor Kugler und Johannes Kleinmann.
Kleinmann wurde am 18. September 1944 wieder entlassen und starb 1959 in Amsterdam.
Kugler gelang es 1945 zu fliehen und 1955 nach Kanada auszuwandern, er starb 1981 in
Toronto. Die jüdischen Bewohner wurden noch mit dem letzten Transport am 3. September
1944 nach Ausschwitz in Polen deportiert. Keiner außer Otto Frank hat die Verhaftung und
anschließende Deportation überlebt. Anne und ihre Schwester Margot erlagen der
Typhusepidemie im KZ Bergen-Belsen.
Zusammenfassung
Zusammenfassend kann man sagen, dass das Leben der Hinterhausbewohner in ihrem
Versteck, von Anne als Achterbahnfahrt der Gefühle dargestellt wird.
Ihre Beschreibungen geben uns einen deutlichen Eindruck der Lebensumstände die im
Hinterhaus herrschten, hierzu gehören unter anderem der Verzicht auf Freiheit, auf Sonne, ja
sogar teilweise auf frische Luft, ewiger Hunger der die Bewohner quält, Hoffnungslosigkeit
und Angst. Physische Krankheiten, die sich mit psychischen Krankheiten abwechseln und
wohl auch durch diese bedingt waren. Die täglichen Einschränkungen, die dauernde Nähe und
fehlende Privatsphäre, aber auch die Langeweile und das sich nicht austauschen können, mit
anderen Menschen (die Bewohner untereinander kennen sich bereits viel zu gut, wie eindeutig
durch Anne in vorher angegebenen Auszug vom angeführt ist) , die allen
Bewohnern auf das Gemüt geschlagen ist.
Die strengen Regeln, wie z.B. sich immer ruhig zu verhalten, kein fließendes Wasser zu
benützen, das Haus nicht zu verlassen, die Fenster immer verhängt zu halten, kein Licht zu
machen, keine Musik zu hören, den anfallenden Müll, egal in welcher Jahreszeit täglich im
Ofen zu verbrennen usw. die von allen Bewohnern einzuhalten waren und die alle zusätzlich
belasteten, haben sich sicherlich mit auf den psychischen Zustand und damit auch die
teilweise recht schlechten Lebensumstände der Bewohner ausgewirkt und diese noch
verstärkt. Doch auch glückliche Momente der Bewohner, mit dem Gefühl der Liebe, der
Hoffnung und der Zusammengehörigkeit haben sich im Haus abgespielt. Annes kleine
Liaison mit Peter dem Sohn der van Daans, die sie in eine Art Glücksrausch, wenn auch durch
die Interventionen ihres Vater gegen diese Liaison, in einen nur kurzen Glücksrausch versetzt
und ihr die Möglichkeit gibt wenigstens einen kleinen Teil ihrer Pubertät im „Hinterhaus“
auszuleben, helfen ihr immer wieder durch diese schwere Zeit.
15
Anne Frank beschreit ihr Leben und das Leben der anderen Mitglieder in einer gefühlreichen
Art und Weise, bringt häufig Wiederholungen der Gefühle und das Wechselspiel zum
Ausdruck, der tägliche Lebensablauf, genauso wie die Verbote und Gebote im Hinterhaus
ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Tagebuch. Die Beschreibungen der Gefühle im
Tagebuch nehmen den größten Stellenwert ein, wobei Anne gerade auch am Anfang akribisch
genau auf die einzelnen Vorsichtsmaßnahmen und auf das Versteck eingeht.
Aus meiner Sicht müssen die Jahre im Hinterhaus voll mit Entbehrungen und auch
Entmutigungen gewesen sein. Ein Mensch der nur noch die Wahl hat, sich entweder versteckt
zu halten oder zu sterben und diese Jahre trotzdem, mehr oder weniger psychisch unbeschadet
übersteht, hat eine unglaubliche psychische Stärke und einen unglaublichen Willen inne.
Anne Frank war trotz ihrer jungen Jahre so ein Mensch und ist wohl aus deswegen zum
Symbol und Sinnbild für die Juden geworden, die den Holocaust miterleben mussten.
16
Die Lebensumstände der Juden im 3. Reich
Zeitgeschichtliche Hintergründe und Gesetze gegen die jüdische
Bevölkerung
Durch die Herrschaftsübernahme Hitlers in Deutschland und dessen bereits davor verbreitete
rasseideologischen Schrift „Mein Kampf“ lag das Bestreben der Machthaber vor, die Juden
aus dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben zu verdrängen. Hierzu wurden
diskriminierende Gesetzte erlassen, die Juden dazu bringen sollten, ihre Heimat unter
Zurücklassung ihres Vermögens zu verlassen und damit Deutschland von ihnen zu säubern.
Bereits am 01. April 1933 wurde ein Judenboykott organisiert. Die Bürger in Deutschland
wurden auf Hitler´s Weisung hin dazu aufgerufen beispielsweise nicht mehr in jüdischen
Geschäften einzukaufen oder jüdische Kinder in der Schule auf bestimmte ihnen zugewiesene
Bankreihen zu setzen. Kurz darauf erfolgte der Ausschluss von jüdischen Kindern aus
deutschen Schulen. Die jüdischen Gemeinden reagierten darauf, indem sie eigene
Einrichtungen wie spezielle jüdische Schulen gründeten.
In dieser Zeit zogen auch Otto und Edith Frank die Konsequenzen, in die Niederlande zu
emigrieren um den Nazi-Terror zu entkommen.
In Deutschland wurden die Gesetzgebungen gegenüber den Juden immer mehr verschärft. So
verloren die Juden 1935 das Reichsbürgerrecht, was sie gleichbedeutend zu Staatenlosen
machte. Am 09./10. November wurden Pogrome organisiert. In diesem Zusammenhang
wurden jüdische Wohnungen und Geschäfte geplündert und demoliert, jüdische Synagogen in
ganz Deutschland angezündet und zerstört. Es wurden sogenannte „Sondersteuern“ für Juden
eingeführt, die in ungeahnte Höhe anwuchsen. Durch Vermögensbeschlagnahmungen wurde
den Juden die Emigration erschwert. Bereits Anfang 1939 existierten von der Oberhoheit der
Nazis ausgearbeitete Pläne für sogenannte „Judenreservate“ - also Bereiche, gleich den
Indianer-Reservaten in den USA, die nur für Juden gedacht waren und damit auch die Juden
vom „stolzen“ deutschen Volk abschotten sollten.
Im Frühjahr 1941 entwickelte Hitler dann seinen Plan der „biologischen Vernichtung“ der
europäischen Juden. Aus Akten der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse ist zu entnehmen,
dass der „Befehl zur Endlösung der Judenfrage“ (also ihre biologische Vernichtung) am 31.
März 1941 im Zusammenhang mit der Wannsee-Konferenz erlassen wurde. Kurze Zeit später
am wurde der Befehl zum Tragen des sechszackigen Judensternes auf
handtellergroßem gelbem Stoffgrund zusammen mit der Aufschrift „Jude“ erlassen.
Gleichzeitig begann die Abstempelung jüdischer Pässe mit einem J. Das Leben der Juden
wurde nun tagtäglich weiter beschränkt und reglementiert. Zuerst durften sie keine
öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen, danach verbot man ihnen das Halten und Führen
von Kraftfahrzeugen. Vermögenswerte der Juden wurden zu Schleuderpreisen an Arier
verkauft, was ebenfalls auf Befehl der Regierung geschah, später wurden dann auch sämtliche
aufzufindende Wertgegenstände und Autos beschlagnahmt. Das Halten von Haustieren wurde
Juden gänzlich untersagt. Trotz allem wanderte nur etwa ein Drittel der Juden bis 1938 aus
Deutschland aus.
17
Hitlers massive Expansionspolitik ging trotz Friedenspakt und Nichtangriffspakt weiter. 1940
besetzten deutsche Truppen Dänemark und Norwegen, marschierten in Holland, Belgien,
Luxemburg und Frankreich ein.
Nach der Kapitulation der einzelnen Länder wurden die „Judengesetzte“ auch auf diese
angewandt und noch verstärkt. Am 02. Juli 1940 erging der Aufruf, dass sich alle nicht
niederländischen Juden sofort zu melden haben. Es kam, auch durch Verrat, zu
Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und Abtransporten von Juden aus Holland. Jüdische
Firmen wurden beschlagnahmt. Die Enthebung der Juden aus allen öffentlichen Ämtern
wurde im November 1941 erlassen, darüber hinaus durften Juden keine Kinos mehr betreten.
Jüdische Studenten durften nicht mehr immatrikulieren um ihr bereits begonnenes Studium
fortzusetzen benötigten sie eine Sondergenehmigung. Es wurden laufend Razzien
durchgeführt um untergetauchte Juden zu finden und die Bevölkerung wurde mit hohen
Strafen unter Druck gesetzt, Juden zu verraten. Bereits im Sommer 1941 wurde es Juden
verboten öffentliche Parks oder Badeanstalten aufzusuchen, ab Oktober 1941 durften sie nicht
mehr arbeiten. Ein Aufruf an alle nicht holländischen Juden zur freiwilligen Auswanderung
wurde am 5.12.1941 herausgegeben.
1942 wurden die Maßnahmen gegenüber den Juden verstärkt und neue Gesetzte erlassen,
darunter die Einführung des Judensternes in Holland, eine Ausgangssperre für Juden von 20-6
Uhr und eine Säuberung der holländischen Krankenhäuser von jüdischen Patienten.
1942 wurden 14.ooo Juden aus Holland in Arbeitslager abtransportiert. Insgesamt wurden ca.
6 Millionen europäische Juden in Vernichtungslagern systematisch ermordert.
8
Hinweise auf die Judengesetzte in Anne Franks Tagebuch
In einem Tagebucheintrag vom 20. Juni 1942 fasst Anne zusammen, wie ein Judengesetz dem
anderen folgte und zitierte hierbei auch eine ihrer Klassenkameradinnen Jacque die ihr
folgende Worte sagte: „Ich traue mich nichts mehr zu machen, ich habe Angst dass es nicht
erlaubt ist, was deutlich zum Ausdruck bringt, wie sehr das Leben der Juden durch die
Erlasse der Nazi eingeschränkt und reglementiert wurde, aber auch wie stark sich die Angst
unter den Juden verbreitet haben muss, gegen eines der Gesetze zu verstossen und damit den
Strafen der Nazis ausgesetzt zu sein.
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Informationen zur politischen Bildung, Bundeszentrale zur politischen Bildung, Bonn, Juli 2007
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Interpretation des Lebens der Juden im 3. Reich
Dieser kurze Eintrag Ich traue mich nichts mehr zu machen, ich habe Angst dass es nicht
erlaubt ist in Zusammenhang mit den zeitgeschichtlichen Hintergründen bringt das Leben,
bzw. nicht mehr vorhandene Leben der Juden im 3. Reich eindeutig und klar hervor.
Alles was das Leben lebenswert macht, wie z. B. Freiheit, soziales Umfeld, wirtschaftliche
Unabhängigkeit wird den Juden untersagt. Ihr Leben ist beschränkt und alle sind unterjocht.
Kein Jude in der damaligen Zeit, der sich nicht bereits vorher in die USA usw. abgesetzt hat,
hat noch die Möglichkeit sich zu entfalten, seine Wünsche und Träume auszuleben. Der
andauernde Überlebenskampf, die Transporte in die Arbeits- und Vernichtungslager nehmen
den Juden außerhalb des Versteckes, gleich den Juden in den Verstecken, jegliche
Möglichkeit zu leben und setzen sie einem andauernden Druck und einer andauernden
seelischen Belastung aus, die den meisten von uns als unvorstellbar erscheint.
Perspektivierung von Anne Franks Tagebuch in Bezug auf die
Lebensumstände der Juden im 3. Reich
Anne Frank hat in ihrem Tagebuch das Leben der Gemeinschaft im „Hinterhaus“ als
entbehrungsreich, voller Regeln und Vorsichtsmaßnahmen beschrieben. Zwar mussten die
Versteckten keinen Judenstern mehr auf ihrer Kleidung tragen, konnten aber im Gegenzug
dazu ihr Versteck auch nicht verlassen. Die Einschränkungen und Gesetzte die für die Juden
im Allgemeinen durch die Nazis in Kraft getreten waren, nahmen ihnen sämtliche
Möglichkeiten auf ein freies und glückliches Leben. Im Fall der Versteckten führten die
Umstände dazu, dass auch diese auf ein freies und glückliches Leben verzichten mussten. Die
Angst durch die Nazis entdeckt und abtransportiert zu werden, begleitete sowohl die Gruppe
im Hinterhaus, als auch alle anderen Juden die sich nicht in Verstecke oder in Länder der
Alliierten geflüchtet hatte. Die Gesetzte öffentliche Einrichtungen nicht betreten zu dürfen
oder an keinerlei sozialem Leben teilhaben zu können waren Einschränkungen die beide
Gruppen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen betraf. Außerhalb des Versteckes waren
es die Gesetzte der Nazis, innerhalb des Versteckes die Unmöglichkeit das Versteck zu
verlassen, ohne damit rechnen zu müssen, sofort abtransportiert oder getötet zu werden.
Der dauernde Hunger herrschte in den späteren Kriegsjahren, sowohl im Versteck als auch bei
den Juden in den Konzentrationslagern. Die mangelnde Möglichkeit hygienemaßnahmen
durchzuführen, war in den Konzentrationslagern noch schlimmer als im Versteck der Gruppe
im Hinterhaus. Auch die dauernde Angst traf beide Gruppen gleich stark. Im Versteck
handelte es sich mehr um die Angst entdeckt zu werden, in den Konzentrationslagern um die
Angst qualvoll und grausam getötet zu werden oder zu verhungern.
Aus meiner Sicht konnten die „Versteckten“ ein noch humaneres Leben als die Juden in den
Konzentrationslagern leben, auch die Hoffnung war wohl bei Ihnen grösser, dass sie den
Krieg bis zur Niederlage der Deutschen gegen die Alliierten erleben würden, desto härter traf
sie wahrscheinlich auch der plötzliche Verrat und der Abtransport durch die SS. In diesem
19
Moment müssen all die in den Jahren im Versteck gehegten Hoffnungen verloren gewesen
sein und der Lebens- bzw. Überlebenswille der „Versteckten“ war wohl gebrochen.
Daraus würde sich auch erklären warum Anne Frank nur wenige Tage nach dem Tode ihrer
Schwester in Bergen-Belsen gestorben ist. Selbst bei einer Infektion durch Typhus hätte sie
überleben können, auch mit einem vom Hunger geschwächten Körper, so wie einige andere,
die trotz ihrer Internierung und Arbeitseinsätzen den Typhus überlebt hatten und durch die
Alliierten befreit werden konnten. („Therapeutische Deutung nach Viktor E. Frankl)
Eine Augenzeugin aus Bergen-Belsen äußerte nach ihrer Befreiung aus dem Lager, gegenüber
Ernst Schnabel, dass Anne „am Tod ihrer Schwester gestorben“ sei.
„Es lässt sich schrecklich leicht sterben, wenn man allein im KZ ist.“(aus Ernst Schnabel,
Spur eines Kindes, S. 153) dies deutet darauf hin, dass Anne allen Lebensmut verloren hatte
und ihrer Schwester nur allzu gerne gefolgt ist.
Schlusswort
Es gab sowohl Juden die die Konzentrationslager überlebt haben, als auch solche die in
Verstecken überlebt haben, sogar einige die es geschafft haben in „Judengetthos“ zu
überleben und nicht in KZ´s abtransportiert zu werden. Alle haben sicherlich eins
verinnerlicht, eine immerwährende Auseinandersetzung mit dem Thema Freiheit, Glaube und
Religion und Fordern zu Recht eine motivierte Auseinandersetzung mit der Willkür und dem
Terror der Nazis gegenüber Fremden und Andersdenkenden.
Auch ein „Nichtvergessen“ und ein Verstehen der „Überlebensschuld“ wie Viktor E. Frankl
sie in seinem Buch „Trotzdem Ja zu Leben sagen - ein Psychologe erlebt das
Konzentrationslager“ fordert, muss diesen Menschen gewährt werden.
Gerade in unserer heutigen, modernen Zeit in der immer wieder Nationalsozialismus, Hass
und Rassismus aufflammt, sollte man sich mit den literarischen Werken, Erzählungen und
Schriften die aus dem dritten Reich erhalten geblieben sind oder von Überlebenden und
Augenzeugenberichten nach Beendigung des Krieges verfasst worden sind,
auseinandersetzen, um ein nochmaliges Geschehen solcher Gräueltaten zu verhindern. Anne
Franks Tagebuch fordert hierzu auf, da die Identifikation mit Anne und deren Lebens- und
Leidensweg jeden jungen Menschen vor Fanatismus und dem aus ihm erwachsenden Hass
schützen kann. Im Gegenzug kann aber auch das vorbildliche humane Verhalten der Helfer
die trotz aller Bedrohungen nicht von ihrem unermüdlichen Einsatz für die in Not geratenen
Menschen zurückgeschreckt sind, helfen und Vorbild sein, persönlichen Einsatz, Mut und
Bekennertum zu wagen und gegen Gewalt und Unrecht auf der Welt einzustehen, statt feige
wegzusehen.
20
Literaturverzeichnis:
 Anne Frank Tagebuch, Fischer Verlag, ISBN: 5277-3
 Erläuterungen und Dokumente, Reclam von Marion Siems, ISBN: 9-1
 ….trotzdem Ja zum Leben sagen, Victor E. Frankl, ISBN: 0142-8
Anne Frank Fonds, http://www.annefrank.ch/
Gedenkstätte Bergen Belsen, http://bergen-belsen.stiftung-ng.de/de/home.html
Kogon, Eugen: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager,
Frankfurt/M. 1946, ISBN-13: 61071
Informationen zur politischen Bildung (Heft 251), Nationalsozialismus I, 2003, Bonn
Informationen zur politischen Bildung (Heft 266), Nationalsozialismus II, 2004, Bonn
 Geschichte des Rassismus von Christian Geulen, ISBN-13: 36243
Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 19331944.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1984, ISBN 6-8.
Bundeszentrale für politische Bildung: Antisemitismus; aus Politik und Zeitgeschichte
(APuZ) 31/2007, 30. Juli 2007
Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS, Heinz Höhne, Verlag: Orbis
(2002), ISBN-13: 13425
Ernst Schnabel, Spur eines Kindes, Fischer-TB.-Vlg.,Ffm; Auflage: N.-A. (Juni 1996),
ISBN-13: 50899
Wolfgang Benz (Hrsg.): Dimension des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer
des Nationalsozialismus. Dtv, München 1996, ISBN 0-2.
Siebert Tielmann, Modelle für den Literaturunterricht, Lektüre Bd. 3, ISBN-13:978-
34
Das Tagebuch der Anne Frank, Fischer Taschenbuch Verleg, 1955, Bd. 77
21
Anlagen
Anlage 1:
Übersicht über die jüdischen Opfer des NS-Regimes in den einzelnen Länder (in den Grenzen von
1937)
Entnommen aus den „Informationen zur politischen Bildung“ des bpb (Bundeszentrale für politische
Bildung, 53113 Bonn) Ausgabe B6897F
Belgien: 28.500
Dänemark: 116
Deutsches Reich: 165.000
Estland: 1.000
Frankreich: 76.100
Griechenland: 59.200
Italien: 6.500
Jugoslawien: 60-65.000
Lettland: 67.000
Litauen: 220.000
Luxemburg: 1.200
Niederlande: 102.000
Norwegen: 760
Österreich: 65.500
Polen: 3.000.000
Rumänien: 270.000
Sowjetunion: 1.000.000
Tschechoslowakei: 260.000
Ungarn: 200.000
Übersicht des Hauses in dem sich Anne Frank und ihre Familie, sowie die van Daans und
Dussel versteckt gehalten haben.
Quelle: http://www.annefrank.ch/
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Paul Celan (19201970) hat in hochpoetischer Sprache und in rhythmisch ausgewogenen,
wohlklingenden Langzeilen das Grauen der Massenvernichtung in den Konzentrationslagern
eingefangen.
Todesfuge
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der
schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes
Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor lässt schaufeln ein Grab in der
Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich
abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der
schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes
Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den
Lüften da liegt man nicht eng
Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet
und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen
sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter
zum Tanz auf
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus
Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch
in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus
Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
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ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der
Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein
Meister aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith“
Aus: Paul Celan, Mohn und Gedächtnis. Gedichte. Frankfurt/M. 1952.